Bramfelder Hinterhofgeschichten

WARTEN AUF BRAMFELD

Eine (spontane) Fotoreportage

Im Projekt „Bramfelder Hinterhofgeschichten“ wollten wir – Projektinitiatorin Franziska und Fotograf und Filmemacher Clemens – Menschen aus dem Stadtteil versammeln, um etwas über den Stadtteil zu erfahren, der in unseren Augen irgendwie schwer zu greifen ist, aber doch so interessant: mit seiner traditionellen Dorfgeschichte und dem seltsam mysteriösen, verschwindenden Bekanntheitsgrad im Rest der Stadt. Da muss es doch was zu erzählen geben! Also, Menschen, wo seid ihr? Was wollt ihr teilen über euren Stadtteil? Vorerst nichts, anscheinend, denn mangels Anmeldungen kommt das Projekt nicht zustande.

Wir machen uns nun selbst auf die Suche. Innerhalb von zwei, drei Tagen versuchen wir, den gesamten Stadtteil abzulaufen und herauszufinden, wo das Leben ist, wo die Geschichten, wo die Menschen. Was wir finden, ist vielleicht schon die halbe Erklärung für das Nichtzustandekommen des Projekts in seiner ursprünglichen Form. Aus den Bramfelder Hinterhofgeschichten wird die spontane Fotoreportage Warten auf Bramfeld.

Das Herz des Stadtteils

Man kann den Platz queren ohne über den Platz zu gehen, man läuft einfach einmal durch die beiden riesigen Einkaufszentren hindurch: Heukoppel zu Bramfelder Chaussee oder andersherum. Und weil das der Großteil der Leute macht, ist der eigentliche (Markt-)Platz leer.
Das Leben ist in den Einkaufszentren, mit Verkaufsvisionen vom bunten Leben, zwischen Kunstpalmen und Springbrunnengefühl, ein Konsumerlebnis der Extraklasse.
Wer die Einkaufswelt kurz verlässt, der lässt sich beim Franchise-Bäcker nieder und genießt die immer gleichen Cremetorten, oder steht für Medikamente an der Apotheke, für den Arzttermin vor dem Ärzteturm. Und wer sein Geld nicht auf diese Weise losbekommt, der kann es immer noch in der Spielhalle anlegen.

Der Großteil der Menschen findet sich in den überdimensionierten Konsummeilen, kauft anonyme Dinge von überallher. Das Regionale, Einzelne verliert sich auf dem weiten Pflaster des verlassenen Marktplatzes in einer Fülle ungenutzter Möglichkeiten.

Leben in der Zwischenstadt

Bramfelder Chaussee

Der Stadtteil wird zerlegt von den einströmenden Autos auf der Bramfelder Chaussee.
Laut und stinkig schiebt sie sich einer tiefen Wunde gleich über den ehemaligen Dorfplatz, zerstört jegliche Chance auf Idylle, die die großen Bäume und vermoosten Bänke hier eigentlich zu bieten bereit sind –
In meinem Kopf verkeilen sich die Eindrücke.
Ich sitze hier am Dorfplatz, wo das schöne Leben toben sollte, das anregende Leben, das Gemeinschaftsleben, aber an mir rauscht nur der Verkehr vorbei, ein überhaupt nicht schönes Leben, es dröhnt und dröhnt und dröhnt in meinem Kopf und die idyllisch bis inspirierende Ruhe, die der Name „Dorfplatz“ mir verspricht, wird überlagert vom unablässig donnernden Verkehr.
Trotzdem schlendern die Menschen vorbei, ich weiß gar nicht, wie sie das aushalten. Sie erledigen wohl, was zu erledigen ist, verschließen sich, so gut sie können, vor dem Lärm und dem seltsamen Zwischen in der Zwischenstadt, in der es nur Extreme gibt: Lärm und Nichts.

Seitenstraße

Die Straße hoch wird es immer schrulliger. Seltsame Geschäfte reihen sich aneinander und leiten langsam den Weg hinaus aus der Stadt. Alleen kündigen den Reichtum hinter der Stadtteilgrenze an, und kurz vor der Grenze biegen wir ab. Die Straßen tragen Gemüsenamen und lassen vermuten, was hier früher war: Bramfeld als bedeutender Gemüselieferant für Hamburg, jetzt aber: Reihenhäuser, Mehrfamilienhäuser, und sobald wir in die Seitenstraßen einbiegen, ist auch der Lärm der Magistrale gewichen. Stille legt sich über die Welt – erst erholsam, bald gruselig. Aus dem Lärm hinein ins Nichts.

In Bramfeld macht man Pause.

Wohnanlage

Das Leben ist noch immer knapp. Wie in einem riesigen, seltsamen Feriendorf. Jeder zurückgezogen auf seinemihren Balkon, Ruhe, ausruhen, keine Aufregung, kein Blick nach draußen. Nur ein paar einsame Hundebesitzer*innen schlendern über die penibel gemähten Wiesen.
Am Abend ziehen die Leute ihre schönen Kleider an und flanieren auf der Ferien-Amüsiermeile, denken wir, aber da es die Amüsiermeile hier gar nicht gibt, ruhen sie sich eben weiter aus. In Bramfeld macht man Pause, von allem.

Wo sind die Geschichten?

Nett ist es, idyllisch ist es, hier herumzuspazieren, aber zu berichten gibt es nichts. Der Mensch sucht nur nach Orten der Entspannung von der großen Straße, und an diesen Orten ist dann so wenig, dass die Entspannung zur Leere wird.
Vielleicht ist das ursprünglich geplante Projekt auch deshalb nicht zustande gekommen, weil es einfach keine Geschichten zu erzählen gibt, zumindest nicht im Heute. Das Leben des Stadtteils liegt in der Vergangenheit, in seiner Dorfgeschichte, bevor es zur großen Stadt hinzugezählt wurde und somit verschwand.

Aber damit wollen wir uns nicht zufrieden geben. Irgendetwas finden wir doch. Es sind sehr kleine Geschichten, sehr unauffällige. Uns wird nichts geboten. Wir müssen uns anstrengen, genau hinsehen, uns Zeit nehmen und Geschichten finden. Ein paar davon haben wir in unseren Fotos festgehalten.

Aber mehr wissen würden wir schon gern. Liebe Bramfelder*innen – erzählt uns von eurem Leben in diesem besonderen Stadtteil! Belehrt uns! Zerfetzt uns! Rebelliert gegen unser müdes Urteil! Diskutiert mit uns! Zeigt uns die Orte, die wir fotografieren und porträtieren sollen! Vielleicht wird aus dem Warten auf Bramfeld dann doch noch eine Sammlung von Bramfelder Hinterhofgeschichten. Wir würden uns sehr freuen.

Fotos: Clemens Voigt
Text: Franziska Jakobi
Hamburg-Bramfeld, August 2021